Wo ist das Salz?
Dieses Jahr durfte ich, finanziert durch Erasmus, an einem zweiwöchigen Austausch nach Helsinki in Finnland teilnehmen. Neben den unzähligen Erinnerungen, die ich aus diesen zwei Wochen mitnehme, konnte ich auch viele typisch finnische Erfahrungen sammeln. So lief ich zum Beispiel auf einem zugefrorenen See Schlittschuh, ging bei –15 Grad Eisbaden oder verbrachte lange Saunaabende. Außerdem durfte ich an einer weiteren sehr typischen finnischen Sache teilnehmen, dem gemeinsamen, kostenlosen Essen in der Schulkantine.
Beim Mittagessen sitzen alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte bunt gemischt an Tischen. Die Gerichte reichen von Hirsebrei mit Beeren über Gemüsebratlinge und Fisch mit Kartoffelpüree bis hin zu Würstchensuppe. Eine Sache fällt bei der Vielfalt der finnischen Küche jedoch besonders auf: Das Essen schmeckt deutlich weniger salzig als bei uns zu Hause. Also begebe ich mich auf die Suche nach einem Salzstreuer. Als ich nach etwa fünf Minuten erfolgloser Suche an unseren Tisch zurückkomme, werde ich etwas verwirrt angeschaut. Ich erkläre meiner Austauschpartnerin mein vergebliches Vorhaben. Daraufhin sagt sie mir, dass man in keiner finnischen Schulkantine Salzstreuer finden wird, da zu viel Salz als ungesund gilt.
Das war das erste Mal das ich mit dem Nordkarelien-Projekt in Kontakt kam. Das Nordkarelien-Projekt entstand in den 1970er-Jahren im Osten Finnlands. Damals hatte die Region eine der höchsten Raten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit. Viele Menschen starben früh an Herzinfarkten, unter anderem wegen einer sehr salz- und fettreichen Ernährung. Als Reaktion darauf startete Finnland ein groß angelegtes Gesundheitsprojekt. Ziel war es, die Ernährung der Bevölkerung langfristig zu verändern. Dabei ging es nicht um Verbote, sondern um Aufklärung und neue Gewohnheiten. Der Salzgehalt in Lebensmitteln wurde schrittweise reduziert, pflanzliche Fette gefördert und gesünderes Essen in Schulen, Kantinen und Supermärkten etabliert.
Besonders auffällig ist, dass diese Veränderungen bis heute spürbar sind. Dass in finnischen Schulkantinen kein Salz auf den Tischen steht, ist also ein direktes Ergebnis des Projekts, wie ich herausfand. Die meisten Finnen sind es inzwischen gewohnt, weniger salzig zu essen, ohne es als Verzicht wahrzunehmen und selbst Kinder lerne im Schlunterricht über die schädlichen Auswirkungen von Salz. Das Nordkarelien-Projekt gilt heute als eines der erfolgreichsten Präventionsprogramme weltweit. Es hat nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung verbessert, sondern auch gezeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen im Alltag beginnen, manchmal sogar bei etwas so Einfachem wie einem fehlenden Salzstreuer.
Laura Groß (MSS 12)
veröffentlicht am 1.2.2026